Antibiotika gehören zu den wichtigsten Medikamenten der modernen Medizin. Sie können bakterielle Infektionen behandeln, die ohne Therapie einen schweren Verlauf nehmen könnten. Gleichzeitig können sie jedoch auch etwas beeinflussen, das auf den ersten Blick nichts mit der Infektion zu tun hat – das Darmmikrobiom. Und genau hier entsteht Raum für Probleme wie Durchfall oder eine längerfristige Störung des intestinalen Gleichgewichts.
Was ist das Mikrobiom im Darm und warum ist es wichtig?
Das Darmmikrobiom besteht aus einer enormen Anzahl von Mikroorganismen, die an der Verdauung, am Schutz der Darmschleimhaut und an der Regulation des Immunsystems beteiligt sind. Befindet sich dieses System im Gleichgewicht, wirkt es als natürliche Barriere gegen die Überwucherung unerwünschter Mikroben und trägt zur Aufrechterhaltung eines stabilen Darmmilieus bei.
Eine Störung dieses Gleichgewichts – die sogenannte Dysbiose – kann zu Verdauungsbeschwerden, häufigeren Infektionen und bei manchen Menschen auch zu längerfristigen gesundheitlichen Problemen führen.
Wie Antibiotika den Darm beeinflussen
Antibiotika sind nicht „intelligent“– sie unterscheiden nicht zwischen schädlichen und für uns nützlichen Bakterien.
Studien zeigen, dass bereits eine kurzfristige Antibiotikatherapie zu einem raschen Rückgang der Vielfalt der Darmbakterien führen kann. Dieser Effekt wurde auch bei gesunden Freiwilligen beobachtet, und bei einigen von ihnen kehrte die Zusammensetzung des Mikrobioms selbst nach mehreren Monaten nicht in den ursprünglichen Zustand zurück. Eine verringerte Diversität der Mikrobiota bedeutet eine Abschwächung der sogenannten Kolonisationsresistenz – also der natürlichen Fähigkeit des Mikrobioms, die Vermehrung unerwünschter Mikroorganismen zu verhindern.
Antibiotika-assoziierte Diarrhö als klinische Manifestation der Dysbiose
Eine der häufigsten Folgen einer gestörten Mikrobiota ist die antibiotika-assoziierte Diarrhö (AAD). Bei den meisten Betroffenen verläuft sie mild – mit dünnem Stuhl, gelegentlichen Bauchschmerzen und Blähungen. Ihre Entstehung ist häufig mit einer direkten Störung des intestinalen mikrobiellen Milieus verbunden.
Infolge der Antibiotikatherapie kommt es zu Veränderungen in der Aktivität der Darmbakterien, die sich unter anderem in einer verminderten Produktion kurzkettiger Fettsäuren, einer gestörten Kohlenhydratverwertung und Veränderungen im Gallensäurestoffwechsel äußern können. Diese Prozesse können die Fähigkeit des Darms beeinträchtigen, den Flüssigkeitshaushalt aufrechtzuerhalten, und zur Entstehung von Durchfall führen.
In schweren Fällen kann eine antibiotikabedingte Dysbiose in eine antibiotika-assoziierte Kolitis übergehen, wobei die schwerste Form die pseudomembranöse Kolitis ist, die mit der Aktivierung des Bakteriums Clostridioides (Clostridium) difficile verbunden ist. Nach einer Antibiotikatherapie wurde auch die Aktivierung weiterer Mikroorganismen beschrieben, die ähnliche gastrointestinale Beschwerden verursachen können, beispielsweise Clostridium perfringens, Staphylococcus aureus, Klebsiella oxytoca, Hefepilze der Gattung Candida oder Salmonella spp.
Christoph Högenauer, Heinz F. Hammer, Krejs G. J., Reisinger E. C. Mechanisms and Management of Antibiotic-Associated Diarrhea // Clinical Infectious Diseases. 1998; 27: 702–710.
Was kann helfen, das Risiko von Beschwerden zu senken?
1. Rationaler Einsatz von Antibiotika
Die Prävention intestinaler Beschwerden beginnt bereits bei der Indikationsstellung für eine Antibiotikatherapie. Antibiotika sind zur Behandlung bakterieller Infektionen bestimmt, und ihr Einsatz sollte stets auf einer klinischen Beurteilung beruhen. Notwendigkeit und Dauer der Behandlung sind nicht nur für die Wirksamkeit der Therapie relevant, sondern auch für das Risiko unerwünschter Wirkungen – einschließlich der Beeinträchtigung des Darmmilieus.
2. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr und schonende Ernährung
Bei Durchfall ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und der Ausgleich von Mineralstoffen entscheidend. Die Ernährung sollte vorübergehend an die aktuellen Beschwerden angepasst werden – einfach, leicht verdaulich und ohne stark reizende Bestandteile. Ziel ist es, den Verdauungstrakt zu entlasten und die schrittweise Stabilisierung des Stuhlgangs zu unterstützen.
3. Probiotika und Präbiotika
In der klinischen Praxis werden Probiotika häufig als begleitende Maßnahme während einer Antibiotikatherapie in Betracht gezogen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Auftreten von Durchfall. Ihre Anwendung beruht auf der Annahme, dass sie das Darmmilieu während einer durch Antibiotika gestörten mikrobiellen Balance beeinflussen können. Die Wirkung von Probiotika kann jedoch je nach Präparat, Dosierung und individuellen Eigenschaften des Patienten variieren. Daher können Probiotika nicht als universelle Lösung betrachtet werden und ersetzen bei schweren oder anhaltenden Beschwerden keine ärztliche Abklärung.
4. Sorbentien als symptomatische Unterstützung
In der klinischen Praxis werden mitunter Enterosorbentien eingesetzt, die bestimmte Substanzen im Darm binden und zur Linderung von Durchfallsymptomen beitragen können. Sie sind ausschließlich als symptomatische Unterstützung zu verstehen und nicht als Mittel zur Wiederherstellung des Darmmikrobioms oder zur Behandlung der Ursache der Dysbiose.
Bei ihrer Anwendung ist es ratsam:
- einen zeitlichen Abstand zu anderen Medikamenten einzuhalten, um deren Resorption nicht zu beeinträchtigen,
- ihre Wirkung nicht zu überschätzen und den Verlauf der Beschwerden zu beobachten,
- ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn sich der Zustand nicht bessert oder verschlechtert.
Wann sollte man nicht abwarten und einen Arzt kontaktieren?
Eine ärztliche Untersuchung ist insbesondere angezeigt, wenn:
- der Durchfall mehrere Tage anhält oder erst nach Abschluss der Antibiotikatherapie auftritt,
- Fieber, Blut oder Schleim im Stuhl auftreten,
- ausgeprägte Schwäche oder Anzeichen einer Dehydratation bestehen,
- die Bauchschmerzen stark sind oder sich zunehmend verschlimmern.
Antibiotika sind unersetzlich, doch ihr Einfluss auf den Darm ist nicht zu vernachlässigen. Sie können das Mikrobiom vorübergehend stören und bei einem Teil der Betroffenen zu Durchfall oder Dysbiose führen. Das Risiko lässt sich durch einen verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika, eine frühzeitige Reaktion auf erste Symptome und geeignete unterstützende Maßnahmen verringern. Ziel ist es nicht, „den Darm um jeden Preis zu schützen“, sondern unnötige Eingriffe zu minimieren und dem Körper Raum zu geben, sein Gleichgewicht wiederzufinden.